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Netzsensibilität

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Nach Jean-Pol Martin bezeichnet Netzsensibilität im Zusammenhang der Globalisierung und der Wissensgesellschaft ein kognitiv, aber auch emotional wahrgenommenes Gespür für die Interdependenz und Verwobenheit der Welt und aller ihrer Konstituenten (Menschen, Regionen, Länder, Kontinente). Die Netzsensibilität ist die Voraussetzung dafür, dass Vernetzungswünsche anderer Menschen erkannt und fruchtbar umgesetzt werden. Sie bezieht sich sowohl

  • auf "reale" soziale Netzwerke (wie zum Beispiel eine Schulklasse, eine Organisation, eine Abteilung einer Firma) als auch
  • auf virtuelle Netzwerke wie Onlinecommunities, Projektgruppen und letztlich das gesamte Internet

Diese Kontextsensibilität ist Voraussetzung für kollektive Wissenskonstruktion.

Inhaltsverzeichnis

Ausgangspunkt Internet

War vor der Verbreitung des Internets die Entwicklung einer Netzsensibilität nur bedingt möglich (die Quantität der Kontakte, die eine Person mit seinen Mitmenschen pflegen konnte, war auf eine kleinere Gruppe beschränkt) sind die Vernetzungsmöglichkeiten mit dem Einzug des neuen Kommunikationsinstrumentes auf ein Vielfaches gewachsen. Um das neue Vernetzungspotenzial produktiv auszuschöpfen werden neue Kompetenzen gefragt, wie die Vernetzungskompetenz, die selbst auf der Netzsensibilität aufbaut[1].

Komponenten von Netzsensibilität

  • Erkennen, dass man als Einzelner Träger von Ressourcen ist.
  • Erkennen, dass man das eigene Ressourcenpotenzial aktiv vermehren soll, damit man die eigene Attraktivität in der Gruppe erhöht.
  • Erkennen, dass man das eigene Ressourcenpotenzial durch Kommunikation erhöhen kann.
  • Erkennen, dass Kommunikation dann entsteht, wenn der eine weiß, was der andere nicht weiß.
  • Erkennen, dass durch Kommunikation und Weitergabe von Wissen das eigene Wissen vermehrt wird.
  • Fähigkeit, Potenziale von anderen Gruppenmitgliedern zu erkennen, zu erschließen und für die Gruppe fruchtbar zu machen.
  • Fähigkeit, Kommunikation innerhalb einer Gruppe einzuleiten und aufrecht zu erhalten.
  • Fähigkeit, die Transformation von Information zu Wissen in der Gruppe anzuleiten.
  • Fähigkeit, für die Gruppe relevante externe Ressourcen aktiv zu suchen.
  • Fähigkeit, Handlungsbereitschaft zu erkennen und zu mobilisieren.
  • Fähigkeit, Kommunikation nach außen einzuleiten und aufrecht zu erhalten.[2]

Aufbau von Netzsensibilität im Unterricht

Eine Möglichkeit, Netzsensibilität aufzubauen, bietet der Unterricht nach der Methode Lernen durch Lehren (LdL). Sie wird zunächst einmal innerhalb des Klassenzimmers aufgebaut, wenn die Lerner gemäß den Prinzipien der Aufmerksamkeitsökonomie und Ressourcenorientierung diskursiv Wissen konstruieren. Sie soll sodann nach außen getragen werden mit dem Ziel, möglichst viele intellektuelle Ressourcen für ein kollektives Lösen von Problemen zu mobilisieren. Empathie und Netzsensibilität zählen zu den zentralen Prinzipien von LdL.

Da das Konzept der Netzsensibilität erst in jüngster Zeit in die Diskussion eingebracht wurde, erfolgt eine genaue Analyse deren Konstituenten zögerlich. Grundsätzlich empfiehlt sich, die traditionelle Einteilung der menschlichen Perzeption auf nur vier Dimensionen (visuelle, auditive, taktile und gustative) auszuweiten. So muss der Blick noch auf die vestibuläre und die kinästhetische Dimension gerichtet werden. Der Lehrer muss ein Gespür entwickeln für den Raum (wo sitzt wer und was macht er/sie?) und die Bewegung (wie kann ich den Raum für Schülerbewegungen benutzen?). Die Entwicklung eines solchen Gespürs wird durch intensive Vernetzungsaktivitäten im Internet begünstigt.

Darüber hinaus kann Netzsensibilität aufgebaut werden, indem formale Lernsituationen wie beispielsweise Seminare durch die Nutzung von Web-2.0-Werkzeugen geöffnet werden und dadurch zur Partizipation von Personen außerhalb der Bildungsinstitution einladen.[3] Da insbesondere Lehrerinnen und Lehrer selbst netzsensibel sein müssen, um diese Einstellung auch in ihrem Unterricht vermitteln zu können, sollten entsprechende Lernszenarien und Webumgebungen im Lehramtsstudium und in der Lehrerfortbildung eine besondere Rolle spielen.[4]

Quellen

  1. Michael Kratky (2007): Ein neues Paradigma: Wissenskonstruktion und -management im Leistungskurs. Grin Verlag, München, ISBN 978-3-638-80349-6
  2. Jean-Pol Martin (2007): Wissen gemeinsam konstruieren: weltweit. In: Lernen und Lehren - Zeitschrift für Schule und Innovation in Baden-Württemberg. 33(1): S.29/30. Neckar-Verlag Villingen-Schwenningen.
  3. Spannagel, C. & Schimpf, F. (2009). Öffentliche Seminare im Web 2.0. In A. Schwill & N. Apostolopoulos (Hrsg.), Lernen im Digitalen Zeitalter. Workshop-Band. Dokumentation der Pre-Conference zur DeLFI 2009 (S. 13-20). Berlin: Logos.
  4. Gottschalk, M. & Spannagel, C. (2011). Die Maschendraht-Community. Grundvernetzung von Lehrerinnen und Lehrern im Web 2.0. In H. Dürnberger, S. Hofhues & T. Sporer (Hrsg.), Offene Bildungsinitiativen. Fallbeispiele, Erfahrungen und Zukunftsszenarien (S. 67-78). Münster: Waxmann.

Literatur

  • Albert-László Barabási: Linked. The new science of networks. Cambridge:Perseus Publishing. 2002
  • Manuel Castells; Mireia Fernàndez-Ardèvol; Jack Linchuan Qiu; Araba Sey: Mobile communication and society - A global perspective. Massachusetts Institute of Technology.2007
  • Davis/Meyer: "Das Prinzip Unschärfe - Managen in Echtzeit", Gabler 1998
  • Dietrich Dörner et al (Hrsg): "Lohhausen. Vom Umgang mit Unbestimmtheit und Komplexität". Bern-Stuttgart-Wien:Huber 1983
  • Florian Rötzer: "Megamaschine Wissen - Vision: Überleben im Netz", Campus 1999

Weblinks

Siehe auch