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Die Eichbäume

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Liebeslyrik, Naturlyrik oder Weltanschauungslyrik?

Die Eichbäume

Aus den Gärten komm ich zu euch, ihr Söhne des Berges!
Aus den Gärten, da lebt die Natur geduldig und häuslich,
Pflegend und wieder gepflegt mit dem fleißigen Menschen zusammen.
Aber ihr, ihr Herrlichen! steht, wie ein Volk von Titanen
In der zahmeren Welt und gehört nur euch und dem Himmel,
Der euch nährt` und erzog, und der Erde, die euch geboren.
Keiner von euch ist noch in die Schule der Menschen gegangen,
Und ihr drängt euch fröhlich und frei, aus der kräftigen Wurzel,
Unter einander herauf und ergreift, wie der Adler die Beute,
Mit gewaltigem Arme den Raum, und gegen die Wolken
Ist euch heiter und groß die sonnige Krone gerichtet.
Eine Welt ist jeder von euch, wie die Sterne des Himmels
Lebt ihr, jeder ein Gott, in freiem Bunde zusammen.
Könnt ich die Knechtschaft nur erdulden, ich neidete nimmer
Diesen Wald und schmiegte mich gern ans gesellige Leben.
Fesselte nur nicht mehr ans gesellige Leben das Herz mich,
Das von Liebe nicht läßt, wie gern würd ich unter euch wohnen.

(1796/8)


Biografische Notiz:

Friedrich Hölderlin war nach seinem Theologie-Studium in Tübingen ab Januar 1796 als Hofmeister im Hause des wohlhabenden Bankiers Gontard in Frankfurt angestellt. Er war für die Erziehung des Sohnes zuständig und es war seine erste Anstellung überhaupt. Hölderlin war gut bezahlt, musste auf Gesellschaften anwesend sein, zählte als Hauslehrer jedoch zum „Küchenpersonal“. Er verliebte sich in die Hausherrin Susette Gontard, die Liebe war gegenseitig, nahm aber kein glückliches Ende, Hölderlin wurde Ende 1798 entlassen. Die Beiden versuchten, ihre Liebe in Briefen und heimlichen Blickkontakten fortzusetzen. Hölderlin musste Frankfurt dann aber verlassen und sich anderweitig verdingen. Z.B. versuchte er - vergeblich - eine literarische Zeitschrift herauszugeben. Seine Hoffnung auf die Mitarbeit von Goethe und Schiller wurde jedoch nicht erfüllt.
Susette Gontard starb 1802, Hölderlin war zu dieser Zeit Hauslehrer in Bordeaux (Frankreich). Im selben Jahr durchwanderte H. zu Fuß das nachrevolutionäre Frankeich und fand sich bei seiner Mutter in Nürtingen ein. Von da an wurde seine psychische Verfassung immer labiler. Hölderlin-Experten (Piere Bertaux) vermuten Zusammenhänge zwischen Susettes Tod, Hölderlins plötzlichem Abbruch seines Arbeitsverhältnisses in Bordeaux und den Anzeichen von seelischer Zerrüttung.

Stichworte zur Interpretation

Basissatz:

Autor, Titel, zeitliche Einordnung, Textsorte ...
Thematik: Gegenüberstellung zweier Daseinsweisen
Fragestellung / Hypothese: Liebeslyrik, Weltanschauungsgedicht, Naturlyrik?
Welcher Begriff, welche Erfahrung von Liebe wird hier ausgedrückt?

Annäherung/Hinführung:

erster Eindruck, (elegischer Grundton),
Assoziationen und Erwartungen durch die Überschrift „Eichbäume“: Stärke, Standhaftigkeit, Selbstgenügsamkeit, Dauer (=> „deutsche Eiche“)

Formbeschreibung:

Hexameter, d.h. mit sechs Hebungen, freie Anzahl der Senkungen,
dadurch dem natürlichen Sprachrhythmus angenähert,
reimlos und ohne Stropheneinteilung => klassisches Versmaß

Situationsbeschreibung und lyrisches Ich:

Das lyrische Ich befindet sich in der „freien“ Natur, wandert aus den Bereichen der von Menschen kultivierten Natur („Gärten“) in die unberührte, sich selbst überlassene Natur. Die Betrachtung der / Begegnung mit den Eichen löst in ihm eine Reflexion seiner eigenen Lebensproblematik / Lebenssituation aus und führt ihn zu der - schmerzlichen - Erkenntnis seiner Abhängigkeit von der Gesellschaft, weil er durch „Liebe“ darin gebunden ist.

Analysierender Nachvollzug des Gedankengangs und der dafür eingesetzten Gestaltungsmittel (entlang einer Gliederung in Sinnabschnitte).

Zeile 1-3: Charakterisierung der Gärten („gepflegt“, „geduldig“, „häuslich“, mit dem Menschen „zusammen“)
Zeile 4 - 13: Charakterisierung und Symbolik der Eichbäume: Schlüsselbegriffe …
Zeile 14 - 17: Darstellung/Gegenüberstellung der eigenen Lebenslage („Knechtschaft“, „geselliges Leben“, „Herz“, „Liebe“): Ambivalenz bzw. Zwiespältigkeit von „Liebe“: Bindung an die Gemeinschaft und Fessel zugleich, weil sie dem Ideal des freien Individuums im Wege steht.

Zusammenfassung und Einordnungen:

  • Wie sieht - zusammenfassend - diese Gegenüberstellung der Daseinsweisen aus, was ist die Lebensproblematik des lyrischen Ich, was bedeutet ihm „Liebe“? => Ambivalenz
  • Handelt es sich um ein Liebesgedicht? Oder Weltanschauungs- oder Naturgedicht? Wiederaufgreifen einer Ausgangs-Hypothese oder Fragestellung. => Das Gedicht ist auch eine Aussage über die Unfähgikeit des Menschen, selbstbewusst und selbstgenügsam zu sein, da er an Gemeinschaft gebunden ist.
  • Eventuell auch Bezugnahme auf Hölderlins Biografie => Lebenssituation als Hofmeister in der Frankfurter Bankiers-Familie
  • literaturgeschichtliche Einordnung => Klassik und/oder Romantik?

Siehe auch