Alexis Kivi

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Alexis Kivi, Zeichnung von Albert Edelfelt

Inhaltsverzeichnis

Alexis Kivi 1834 - 1872

finnischer Nationaldichter und Verfasser des von allen finnischen Schülern gelesenen Romans "Die sieben Brüder" (v. 1870). Die Helden dieses Romans werden erst in dem Augenblick zu Mitgliedern der Gemeinschaft, als sie sich dazu durchringen, das Lesen zu lernen.

Aleksis Kivi, geboren 1843 in Palojoki, im nicht weit nördlich von Helsinki gelegenen Kirchspiel Nurmijärvi, hieß ursprünglich Stenvall. Beide Eltern waren finnischsprachig. Kivi studierte Finnisch und Geschichte, begann auf Schwedisch zu schreiben, wandte sich aber sehr bald vom Schwedischen ab, was sich auch in der Wahl seines finnischen Namens bemerkbar machte (Finnisch „kivi“: Stein). Während der beiden letzten Jahre bis zu seinem Tod im Dezember 1872 war Kivi dem Wahnsinn verfallen.

Die sieben Brüder

1. Die sieben Brüder wachsen auf dem Hof Jukola in Südfinnland (Häme) auf, der Vater kommt auf der Bärenjagd um, der Hof wird vernachlässigt, die Jungs sind nicht fleißig und erst als die Mutter stirbt, beraten sie über ihre gemeinsame Zukunft: Wer soll den Hof bekommen, woher kommt die Hausfrau usw. Vor allem müssen sie lesen lernen, denn so verlangt es das Kirchengesetz und der strenge neue Probst des Kirchspiels:

„Besonders gegen die lesefaulen Bauern war er unerbittlich und und ging gegen sie mit allen Mitteln, selbst der Fußblockstrafe, vor“.

2. Auf dem Weg zum Küster/Kantor des Kirchspiels geraten sie in eine Prügelei mit der Dorfjugend, weil diese ein Spottlied über sie singen. Sie gewinnen die Schlacht.

3. In der Gesindestube des Kantors sitzen sie jetzt schon zwei Tage und es geht nur „außerordentlich langsam“ vorwärts, die Strenge des Kantors steigert noch ihren Widerwillen, er schließt sie schließlich in der Stube ein. Die Brüder zerschlagen die Fensterscheibe und flüchten in den Wald.

4. Am folgenden Tag kommen die Brüder in ihrem Elternhaus an, allerdings völlig zerkratzt und zerschunden, denn die Dorfjugend hatte sich erneut zusammengerottet und dieses Mal gewonnen. Die Brüder ziehen sich in die Sauna zurück um ihre Wunden zu pflegen, dabei brennt das ‚Badehaus‘ ab . Am folgenden Tag kommt der Schöffe Mäkelä und teilt ihnen mit, dass sie am nächsten Sonntag im Kirchdorf in den Fußblock gesetzt werden . Die Brüder verpachten daraufhin ihren Hof für zehn Jahre und ziehen sich in die Wälder zurück. Den Winter verbringen sie in einer Köhlerhütte als Jäger .

5. - 10. Die Brüder schlagen sich in diesen zehn Jahren als Jäger, Sammler und Fischer durch, bis sie schließlich wieder aus dem Wald herauskommen.

11. Sie müssen jetzt eine Entscheidung treffen, wie es weitergehen soll, und beschließen endlich doch noch lesen zu lernen:

Tuomas: „Aber nun solls auch ans Lesen gehen, jetzt die Fibel in die Hand und das Wort in den Kopf, und wenns mit dem Holzhammer sein muss.“
Aapo: „Da hast du etwas gesagt, was uns neues Glück bringen wird, wenn wir es ausführen ... Seht, wenn wir nicht lesen können, ist uns auch ein gesetzliches Eheweib eine verbotene Frucht. “
Timo: „Ei, ja so! Ists wirklich an dem? Na zum ...! Dann lohnt sichs schon einen Versuch zu machen.“ (317/8)

Sie beschließen, den Klügsten unter ihnen, Eero zum Lesenlernen zu schicken, während sie selbst einen neuen Hof anlegen - Impivaara .
Im Winter unterrichtet sie der erfolgreiche Eero im Buchstabieren, aber er tut dies mürrisch und herablassend. Daraufhin verpassen ihm die großen Brüder eine Tracht Prügel und danach geht´s besser (327).

12.-14. Happy End - unter anderem dadurch, dass sie selbst eine Dorfschule gründen.

„Der Weg der Versöhnung (mit den gehassten Ordnungshütern) führt durch die Vergangenheit. Die wilde Freiheit, ihre mit dem Bann der Kirche belegte, ins Albisch-Dämonisch-Titanische verkehrte Wirklichkeit, ihre vernichtende Mächtigkeit, ist ans Licht zu bringen nur auf dem Weg des Erleidens. Die Brüder beginnen als Jäger und Fischer, werden Ackerbauern und kehren lesekundig und bibelfest in die Dorfgemeinschaft zurück.“ (Aus dem Nachwort von Manfred Peter Hein, Klett-Cotta-Ausgabe S. 436:)
Die sieben Brüder auf Briefmarke

Die Sprachenfrage in Finnland

„Die sieben Brüder“ war der erste große Roman der finnischen Literatur.

Ende des 18. Jahrhunderts gab es erste Verfechter der finnischen Sprache, die darin nicht länger das Idiom primitiver Waldmenschen sehen wollten. Sie schlossen sich in der 1770 gegründeten Aurora-Gesellschaft zusammen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam es zur Niederlage Schwedens und Finnland, Schwedens Kolonie, musste an Russland abgetreten werden. Finnland war zu der Zeit ein zweisprachiges Land, davon war aber nur eine die Handels-, Wirtschafts-, Kultur- und Verwaltungssprache. Und das war die Sprache des besiegten Feindes, nämlich Schwedisch.

Zar Alexander I. nahm auf dem Landtag zu Borgå (Porvo) am 19. März 1809 Finnland in die Reihe der europäischen Nationen auf und durch die Förderung patriotischer finnischer Gedanken wurde eine antischwedische Stimmung erzeugt. Es entwickelte sich in Finnland während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und unter den Bedingungen der neu erworbenen Autonomie ein Interesse daran, was Finnland sein könnte und was es einmal gewesen war. Man entdeckte Karelien wieder, jenes Land, das seit dem ersten schwedisch-russichen Friedensschluss in zwei Teile gespalten war und sich in zwei verschiedenen kulturelle Richtungen entwickelt hatte. Und dann entdeckte man plötzlich die gemeinsame Sprache, die gemeinsamen Wurzeln. Und auf einmal machten sich Sprachforscher, Ethnographen und Volkskundler daran, den Ursprung der finnischen Kultur und Sprache zu erforschen. Johan Vilhelm Snellman kämpfte erfolgreich dafür, dass die finnische Sprache gleichberechtigt neben der schwedischen wurde und unter Zar Alexander II. konnte dies auch erreicht werden.

1863 wurde die Gleichstellung der beiden Sprachen von 1883 an festgelegt.

1872 wurde das erste finnische Theater gegründet, in den finnischen Schulen und Hochschulen begann man immer häufiger finnisch zu sprechen und innerhalb weniger Jahrzehnte verwandelte sich eine bis dahin rein schwedisch denkende und sprechende Intelligenz in eine weitgehend finnisch sprechende. Das ging so weit, dass viele schwedisch sprechende Finnen ihre schwedischen Familiennamen in finnische umänderten. So änderte Aleksis Kivi, der eigentlich den schwedischen Nachnamen Stenvall besaß, seinen Nachnamen in den finnischen „Kivi“ um, welcher auf deutsch „Stein“ bedeutet. Er hatte auf Schwedisch zu schreiben begonnen, stieg aber sehr schnell auf das Finnische um, was sich in seinem Namenswechsel bemerkbar macht.

Rezeption damals und heute

Das Werk hatte eine ausgesprochen schlechte Resonanz, wurde kaum gelesen und geschätzt. Die finnische Oberschicht konnte mit dem realistisch geschriebenen Roman Kivis nicht viel anfangen, man hatte andere Vorstellungen von der neu entstehenden Literatur Finnlands. Die Absicht des Autors, einen Entwicklungsprozess zu beschreiben, der für ganz Finnland stehen konnte oder vielleicht auch sollte, wurde von ihnen nicht erkannt. Die Sprache des Romans war ihnen zu rau, zu ländlich. Sie wollten diese Sprachebene mit der neu aufkommenden Wichtigkeit des Finnischen hinter sich lassen und aus ihr eine neue, in gehobenerem Stil geschriebene Sprache machen.

Umso mehr wirkte das Werk im Prozess der Nationenbildung nach der Jahrhundertwende:

„Am Buch der ‚Sieben Brüder‘ findet schließlich die Gesamtheit der Nation bis zu einem gewissen Grad zu ihrem Selbstverständnis.“ (Aus dem Nachwort von Manfred Peter Hein, Klett-Cotta-Ausgabe S.437)


Weblinks

  • Alexis Kivi Biografie bei "Pegasos - a literature related source site", (Kuusankosken kaupunginkirjasto, Finland)


Siehe auch